Wenn die Eismassen dicker sind als 20 Meter, werden sie von der Schwerkraft nach unten gedrückt. Ein Gletscher ist also sich bewegendes Eis.

Neuschnee ist leicht, das Eigengewicht beträgt 0,1 g/cm³. Wind und mildes Wetter sorgen dafür, dass der Schnee zusammengepresst und damit schwerer wird. Schnee, der einen Sommer übersteht, wird als Firn bezeichnet. Im Laufe von ein paar Jahren kann sich Firn in Gletschereis verwandeln. Dieser Übergang ist die Folge einer Neukristallisierung, weil die großen Kristalle wachsen, währende die kleinen noch kleiner werden. Das Eigengewicht von Gletschereis beträgt 0,9 g/cm³.

In der Tiefe des Gletschers herrscht großer Druck, und das Eis lässt sich wie ein plastischer Stoff formen. Weiter oben im Gletscher ist die Druck geringer, und hier verhält sich das Eis wie ein steifes Material. Spalten entstehen dort, wo der Gletscher über eine Erhebung verläuft oder seine Richtung ändert. Wenn die Geschwindigkeit eines Gletschers zunimmt oder an einem Hang entlanggleitet, entstehen ebenfalls Spalten. In norwegischen Gletschern sind die Spalten selten mehr als 25 Meter tief. Dies entspricht einem Haus mit neun Stockwerken. In der Antarktis, wo das Eis deutlich kälter und steifer ist, können die Gletscherspalten bis zu 100 m tief sein.

Die norwegischen Gletscher machen etwa 0,7 % des Festlandes aus, insgesamt gibt es etwas mehr als 2500 Gletscher unterschiedlicher Größe und Form. Die Gletscher sind unter anderem für die Wasserkraft, für die Klimaforschung, für den Fremdenverkehr und Outdooraktivitäten von Bedeutung. Darüber hinaus können sie die Ursache von Naturkatastrophen wie plötzlichen Überschwemmungen oder Eislawinen sein. Wer sich auf den schneebedeckten Bereichen eines Gletschers bewegt, muss auf versteckte Gefahren in Form von Spalten vorbereitet sein, die wie fast bodenlose Schächte tief ins Eis hinein reichen.

Die meisten Menschen, die Gletschergebiete besuchen, genießen und bewundern den Anblick der Eismassen aus einer sicheren Entfernung. Die intensive blaue Färbung des Eises in unterschiedlichen Schattierungen ist ein magischer und verlockender Anblick. Die Gletscher erscheinen wie riesige Smaragde, die sich an steilen Berghängen und an Sturzkanten eines Felsens festklammern, oder sie liegen wie entspannte Riesen, die langsam aus dem Hochgebirge in die Täler gleiten.

Die jüngere Geschichte der Gletscher

Nach der letzten großen Eiszeit, die vor etwa 10.000 Jahren endete, hatten die norwegische Gletscher ihre im Großen und Ganzen größte Ausbreitung um das Jahr 1750 n.Chr. Dieser Zeitraum wird „die kleine Eiszeit“ genannt. An vielen norwegischen Gletschern erkennt man deutliche Spuren aus dieser Zeit, denn die Endmoränen sehen aus wie große, rückenförmige Ablagerungen. Das Vordringen der Gletscher zerstörte viele Höfe und fruchtbare Böden. Die Bauern des Hofes Nedregarden (Nigarden) im Tal Jostedalen klagten aus diesem Grund über die viel zu hohe Steuerbelastung des Hofes. Im Jahre 1748 bat der dänisch-norwegische König in Kopenhagen den Pfarrer in Jostedalen, Vermessungen am Gletscher vorzunehmen, um diese Klage zu prüfen.

© Steensrup K.J.D. og Pål Graan Kielland

Nach der «kleinen Eiszeit» sind die Gletscher kleiner geworden, doch immer wieder hat es Zuwächse und Ausbreitungen gegeben. Das letzte große Gletscherwachstum gab es um 1930. Von 1930 bis 1960 kam es zu massiven Gletscherabschmelzungen. Nach 1960 nahmen sie an Masse wieder etwas zu, und in den 1990er Jahren wuchsen viele der westnorwegischen Gletscher. Ein Beispiel dafür ist Briksdalsbreen, der sich zwischen 1987 und 1997 um mehr als 400 Meter ausbreitete. Nach dem Jahr 2000 ist eine enorme Rückbildung der Gletscher festzustellen, die möglicherweise auf die globale Erderwärmung zurückzuführen ist. Die großen Schneemengen, die sich im Winter auf die Gletscher legen, reichen nicht aus, um den Verlust von Eis während der immer wärmeren Schmelzphasen im Sommerhalbjahr auszugleichen.

Gletscher kann man aus sicherer Entfernung oder auf einer Wanderung erleben

In Fjord Norwegen gelangt man sehr leicht zu den Gletschern, die man von Aussichtspunkten aus betrachten oder auf einer geführten Wanderung begehen kann. Im Sommer werden an mehreren Orten Gletscherwanderungen mit erfahrenen Bergführern veranstaltet. Eine Alternative sind Gletscherkurse, bei denen man lernt, sich allein und sicher auf einem Gletscher zu bewegen. Bewegen wir uns von Süden nach Norden durch Fjordnorwegen, ist der Gletscher Folgefonna in Hardanger die erste Station. Hier ist, nicht weit von Odda entfernt, der Gletscherarm Buerbreen auf der Ostseite ein beliebter Aussichtspunkt. Auf der Westseite kommt man auf dem Gletscher noch weiter nach oben, dort erwartet dich der Arm Juklavassbreen zu einer Wanderung auf dem blauen Eis des Gletschers. Hier befindet sich auch das Fonna Sommerskicenter, das vom Frühjahr an und den Sommer hindurch mit spektakulären Skierlebnissen lockt. In Rosendal befindet sich ein Besucherzentrum, das zum Nationalpark Folgefonna gehört. Dort wird viel Wissenswertes über Gletscher, Klima und Natur vermittelt.

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Etwas weiter nordöstlich, zwischen dem Gebirgsrücken Hallingskarvet und der Hochebene Hardangervidda, liegt der Gletscher Hardangerjøkulen. Die Wanderungen aufs blaue Eis beginnen in Finse, während es vom Tal Simadalen nicht weit von Eidfjord entfernt nach Rembesdalskåka Aufstiege gibt kann – für alle, die eine anspruchsvollere und längere Wanderung machen möchten. Ein Besuch des Norwegischen Naturcenters wird empfohlen, wenn man mehr über den Nationalpark Hardangervidda erfahren möchte.

In der Region Sogn og Fjordane gibt es zahlreiche Möglichkeiten, einen Gletscherarm zu betrachten oder auf einem Gletscher zu wandern. Hier liegt nämlich Jostedalsbreen – der größte Gletscher auf dem europäischen Festland. Von diesem enormen Eisriesen laufen fast 30 verschiedene benannte Arme aus, einige von ihnen sind leicht zu erreichen, andere weniger.

Auf der Ostseite des Hauptmassivs liegt Luster, wo die Gletscherarme wie Perlen auf der Schnur liegen. Besonders im Tal Jostedalen mit den bekannten Ausläufern Nigardsbreen, Bergsetbreen, Tuftebreen und Austdalsbreen gibt es Erlebnisse für jeden Geschmack – manche wollen nur schauen und staunen, andere wollen dies mit einer längeren Bergwanderung oder einer Kajak- oder RIB-Tour auf einem Gletschersee kombinieren. In der Gemeinde Luster liegt auch das Dorf Veitastrond mit dem Gletscherarm Austerdalsbreen, den der berühmte Bergpionier William Cecil Slingsby nach der Entdeckung 1894 als «the finest ice-scenery in Europe» bezeichnete. In diesem Tal vermitteln die Ausblicke auf den Gletscher, den man aus sicherer Entfernung betrachtet, bleibende Eindrücke.

Nicht weit von Gaupne entfernt liegt das Tal Leirdalen. Dort gelangst du mit einem Boot oder Kajak bis an den größten Ausläufer von Jostedalsbreen, den Gletscherarm Tunsbergdalsbreen. Dieses Massiv ist etwas unzugänglicher als die anderen genannten, doch zusammen mit einem Gletscherführer allemal einen Abstecher wert, wenn du den Wunsch hast, dich abseits der bekannteren Besucherziele zu bewegen.

In Fjærland am südlichen Rand von Jostedalsbreen ragen die Gletscherarme Bøyabreen und Supphellebreen in die Täler hinunter. Beide sind von der Straße aus leicht zu erreichen, liegen sehr nah am Fjord und haben angelegte Aussichtspunkte. Supphellebreen ist auch als Flatbreen, «der flache Gletscher», bekannt und ein perfekter Ort für Gletscherkurse und Endpunkt der Gletscherwanderloipe «Josten der Länge nach». Hier befindet sich auch die Berghütte Flatbrehytta, die ehemals für Gletscher- und Gebirgswanderer gebaut wurde. Die Nähe zum Fjord und zum Gletscher macht Fjærland zu einem ganz besonderen Ort für Menschen, die dramatische Landschaften lieben.

© Pål Gran Kielland

Auf der Westseite von Jostedalsbreen ist Nordfjord ein Eldorado zum sicheren Beobachten eines Gletschermassivs – im Tal Oldedalen, am Ende des Ortes Loen oder in Oppstryn. Die vielleicht bekanntesten Sehenswürdigkeiten in diesem Teil von Fjord Norwegen sind die Gletscherarme Briksdalsbreen und Kjenndalsbreen. Wenn du in der Region Nordfjord eine Gletscherwanderung machen möchtest, ist das Stryn Sommerskisenter ein sehr guter Ausgangspunkt, um auf dem Gletscherarm Tystigbreen zu wandern. Diesen Ausflug beginnt mit dem Skilift, um weiter hinauf auf das Eismassiv zu gelangen. Eine schöne Alternative ist Haugabreen in der Gemeinde Jølster in Sunnfjord. Hier beginnt das Gletschererlebnis mit einer Wanderung durch ein prachtvolles Tal, bevor der Aufstieg aufs Eis beginnt.

Drei Besucherzentren um Jostedalsbreen