Im Takt mit den Schlägen der wohlerprobten Ruder schiebt sich der Bug des alten Holzbootes durch das salzige Seewasser. Mit ihren Blicken folgt Line Nicolaysen dem Veteranenboot, das vorübergleitet. 

„Hier auf dem Felsendie Stille zu genießen und die Augen am endlosen Horizont ruhen zu lassen, bis vielleicht irgendwann die Sonne im Meer untergeht. Die Kraft, die Gezeiten, die Wellen, der Wind, das Rauschen. Es ist diese Ruhe, die in solchen Augenblicken in dir drinnen zunimmt – sie ist einzigartig!“Aus jedem Wort von Line klingt der pure Genuss.

Im äußersten Norden der Küste vonMøre, von der Insel Smølaausgehend und noch ein bisschen weiter Richtung offenes Meer, bis man zu Fuß eigentlich nicht mehr weiterkommt, liegt Veiholmen.Zusammen mit ihrer Schwester Hilde Røinåsbetreibt Line an diesem Ort einen Fremdenverkehrsbetrieb mitRestaurant und Gasthaus für Übernachtungsgäste.

„Veiholmenwar einmal das größte Fischerdorf südlich der Lofoten“, erzählt Line.„Seit vielen tausend Jahren ist dieses Fleckchen Erde weit draußen am Meer besiedelt.“ 

„Die Nähe zum Meer war gleichbedeutendmit der Nähe zu Lebensmitteln. Eine Stunde weniger zu rudern bedeutete eine Stunde länger für denFischfang“ erläutert sie. „Alle hatten Boote unterschiedlicher Größe, und alle fuhren zum Fischen raus.Manche schafften vielleicht, ein Flecken Grünland zu finden, auf dem eine Milchkuh weidete, sie hatten vielleicht ein paar Hühner und ein Schwein, das zu Weihnachten geschlachtet wurde, doch die Lebensgrundlage war die Fischerei. Im Dunkeln navigierten sie und orientierten sich an dem Geräusch jeder einzelnen Schäre.Es gibt noch heute einen alten Fischer hier, der diese Kunst beherrscht.“

Veiholmen erleben

Die beiden Schwestern ausGrimstadin Südnorwegen begannen ihr Veiholmen-Projekt im Jahre 2015. Sie und ihr glücklicher Einfall wurden von der Lokalbevölkerung sehr gut aufgenommen.

„Wir sind in Südnorwegen am Meer geboren und aufgewachsen“, erzählt Line und breitet ihre Arme Richtung raues Meer aus, „aber dies hier ist noch mal eine Stufe dramatischer.“ 

„Hier wollten wir etwas wagen und dies hier mit anderen teilen.“

Wenn sie ihr westnorwegisches Paradies beschreibt, fehlt es ihr nicht an Superlativen.

„Hier kannst du einen Spaziergang zum Leuchtturm machen, um dem Wetter zuzuschauen, oder du gehst „småttan“, wie man hier sagt, also durch die grünen Gassen zwischen den Häusern. Diese Häuser liegen immer dicht beieinander. Sie stehen so, um einander Richtung Südwesten Schutz zu geben, wo das launische Meer liegt.“ 

Das Gebiet umVeiholmenist einer der vielleicht schönsten Schärengärten in ganz Norwegen. 

„Holme,Schären und haufenweise Sandbänke laden zum Tauchen und Kajakpaddeln ein. Du kannst dich einer Seeadlersafari anschließen, Wikingergräber besuchen, traditionelle deftige Gerichte aus der Regio Nordmøre essen oder im Küstenkulturzentrum «Brenneriet» dein Bedürfnis nach historischen Fakten befriedigen.

In diesem Zentrum werden Traditionen bewahrt und gepflegt. Es veranstaltet Holzbootregatten, restauriert alte Boote und bringt den Besuchern das Rudern bei.

„Ein Tipp von mir ist ein Konzert mit dem lokalen Männerchor „Karrain“.Die Leute hier draußen lieben traditionelle Lieder, und die Geschichte hinter diesem Chor ist, dass sich die Männer früher in ihrer Freizeit in den Bootshäusern trafen, um gemeinsam zu singen.“

© Fjord Norway

Respekt vor dem Meer

Heute präsentieren die Wettergötter ein fast windstilles Meer, doch Line ist der Meinung, dass Winterstürme ein manchmal spannenderes Erlebnis sein können als Sommersonne und warme Winde.

„Hier kann sich das Wetter ruckzuck ändern. Manchmal sitzt du dort im Südwesten und deine Haare wehen gerade zur Seite – und zwei Minuten später wehen sie in die andere Richtung. Kommt der Wind aus Nordwesten, sind die Wellen am höchsten. Dann rollt die Dünung aus dem Atlantik direkt auf Veiholmen zu, und die solide Mole ist jede Krone wert, die ihr Bau gekostet hat. Bei nordwestlichem Sturm würde ich mich wirklich nicht auf der Außenseite der Mole bewegen.“

Die erwähnte Mole wurde aus Steinen erbaut, die ausgesprengt wurden, als der Hafen von Veiholmenin den Jahren nach 1930 gebaut wurde. Zwei Fliegen mit einer Klappe sozusagen: Ein sicherer Hafen im Windschatten und eine Mole als Schutz gegen Sturmfluten.

Bereits wenige Jahre nach der Fertigstellung musste die Mole beweisen, was sie aushielt. Seit Tagen hatten Sturm und Unwetter getobt, als enorme Wellen auf das Ufer zurollten.

«Es war die Nacht auf Sonntag. Die Fischer hatten frei, und die allermeisten Einwohner lagen in ihren Betten und schliefen – was ihnen wahrscheinlich das Leben rettete. Niemand starb, aber weit oben an Land wurden Tiefseefische gefunden.“ 

Die Riesenwellen des Jahres 1938 rissen 25 Gebäude mit sich – Bootshäuser, Anleger und Schuppen. In mehrere Wohnhäuser drang das Meerwasser ein. Etwa 30 Boote verschwanden oder wurden von den enormen Kräften der riesigen Wellen zu Kleinholz gemahlen.

„Ohne die Mole wäre doppelt so viel Schaden entstanden“, ist sich die Hobbyhistorikerin mit der besonderen Vorliebe für Touristik sicher.

Irgendwo da draußen schimpft eine Möwe ein deftiges Lachen. Line streicht eine blonde Locke zur Seite, die von der Schönwetterbrise immer wieder in ihr Gesicht geweht wird.

„Ohne das Meer gäbe es hier draußen kein Leben. Und die Angst allein war nie stark genug, um die Menschen davon abzuhalten, aufs Meer hinauszufahren.“

Der Ausdruck„Das Meer gibt und das Meer nimmt“ sitzt tief im Bewusstsein der Menschen hier.

„Sie achten schon darauf, dass wir etwas Unerfahrenen nicht zu übermütig werden“, sagt Line. „Sie kennen sich mit der Nähe zum Meer und den Gefahren sehr gut aus, und ihr Respekt ist groß.“

Lebendige Geschichte

Auch heute noch ist Veiholmen ein lebendiges Fischerdorf. Die allermeisten Einwohner von Veiholmenstammen aus Familien, in denen die Fischerei eine große Rolle spielt. 

„Viele haben im inneren Hafen einen kleinen Kutter vertäut und fahren täglich raus, um für sich selbst etwas zu fangen oder an der Fischannahmestelle anzuliefern. Die Einheimischen schätzen das altehrwürdige Holzboot manchmal stärker als das Auto“, glaubt Line.„Ohne die Straße, die vor 40 Jahren nach Veiholmen gebaut wurde, wäre dieses Fischerdorf sicherlich heute auch verlassen.“

Der Zusammenhalt auf der Insel ist stark. 

„Man sagt, inVeiholmen„geht man nach dem Licht“.Brennt das Licht in deinem Haus, bedeutet dies, dass die Nachbarn gern unangemeldet anklopfen und reinkommen dürfen. Wenn man keinen Besuch will, schließt man die Tür oder löscht das Licht. Die Einwohner hier sind offen und einladend, und sie sind es gewohnt, sich umeinander zu kümmern.“

Als Beispiel nennt Line die Feste «imLokal».Dann werden drei lange Tische gedeckt, und die Einwohner kommen zusammen, egal, ob sie 18 oder 80 Jahre alt sind. Sie plaudern, singen und tanzen.

„Die Offenheit untereinander zeigt sich auch gegenüber denen, die hierherkommen, um das Fischerdorf zu erkunden. Sie sind es gewohnt, dass „fremde Leut“ auf dem Seeweg ins Dorf kommen – und ein Lächeln oder ein einfaches„Hei“ist oftmals der Beginn eines netten Gesprächs.“

Nur Wetter

Line schweigt einen kurzen Augenblick und lässt ihren Blick über die Holme, Schären und das weite Meer gleiten.

„Hier draußen stößt der Blick auf kein Hindernis“, schwärmt sie. „Es ist offen.Es ist frei. Es ist viel Luft.Es ist ein Erlebnis, dies mit anderen teilen zu können.Du brauchst kein Auto, hier draußen fährt man Fahrrad oder geht zu Fuß. Spaziert auf die Mole hinaus, setzt sich auf eine Bank und atmet aus. Schaut auf das Meer, wirklich schauen.Es tut uns gut, unseren Kopf ab und zu auszuruhen“, betont Line.

Aufs Meer zu blicken, wird zu einem meditativen Erlebnis.Das Meeresrauschen reduziert den Gedankenstrom, der uns bombardiert.

„Versuche zu spüren, wie gut es ist, einfach nur zu sein. Lass dich faszinieren: Blicke auf die Wellen, auf die Farben, die sich verändern, sieh den Basstölpeln und Seeadlern zu, die über dir schweben, oder hier und da ein Fischreiher.“

© Fjord Norway

Die Tierwelt hier draußen ist ungewöhnlich und wunderschön. In diesem Gebiet gibt es Nordeuropas größten Bestand an nistenden Seeadlern. Immerhin 50 Paare brüten hier jedes Jahr. Du wirst Fischotter, Seehunde und Schwertwale sehen, und unter der Meeresoberfläche gibt es Tintenfische, Thunfisch, Kammmuscheln und Hummer.Die Paddelguides von Smølakajakkkennen jeden Sund, jede Bucht und jeden Holm.

„Mit dem Kajak loszupaddeln, ist ein unbeschreibliches Erlebnis, denn es gibt hier so viele Holme und Schären. Vereinzelt liegen diese Miniinseln so eng beieinander, dass du mit den Händen paddeln musst, weil kein Platz für die Ruder ist. Und auf den Sandbänken in dem türkisblauen Wasser wimmelt es von Lebewesen“, sagt Line und ist offensichtlich begeistert.

„Wenn du Glück hast, tanzt das Nordlicht über deinem Kopf, und wenn das Meer es erlaubt, werden abendliche Paddeltouren außerhalb der Mole veranstaltet. Dann paddelst du in den Sonnenuntergang hinein.»

Ganz einfach magisch.

© Fjord Norway

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